Rudolf-Fritz-Weiss-Preis 2001

Der im Gedenken an die Verdienste des Internisten Professor Dr. med. Rudolf Fritz Weiß von der Fa. Bionorica, Neumarkt gestiftete Preis wurde von der Gesellschaft für Phytotherapie anläßlich des von der Deutschen Gesellschaft für Klinische Pharmakologie und Therapie und der Gesellschaft für Phytotherapie in Berlin veranstalteten Symposiums Phytopharmaka VII - Forschung und klinische Anwendung am 12. Oktober 2001 zum 15. Mal verliehen.

Mit dem ersten Preis wurde die Arbeit der Autoren   Dr. Andreas Johne, Dr. Jürgen Schmider, Dr. Jürgen Brockmüller, Dr. Andreas M. Stadelmann, Elke Störmer, Steffen Bauer, Dr. Gudrun Scholler, Dr. Matthias Langheinrich und Professor Dr. Ivar Roots
"Lowered plasma levels of amiytryptiline and its metabolites upon co-medication with an extract from St. John's wort (Hypericum perforatum)" ausgezeichnet.

johne.jpg (86460 Byte) Dr. Andreas Johne studierte von 1989-1995 Humanmedizin an der Ludwigs-Maximilians- Universität München und der Freien Universität Berlin. von 1996-1997 war er Arzt im Praktikum am Institut für Klinische Pharmakologie, Universitätsklinikum Charité, Medizinische Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin (Direktor: Prof. Dr. med. I. Roots). Seine Approbation als Arzt erhielt er 1997 und ist seither wissenschaftlicher Mitarbeiter am gleichen Institut. Im Juli 2001 promovierte er mit der Dissertation "Mutationen und Polymorphismen im H-Ras-Protoonkogen beim Harnblasenkarzinom des Menschen" zum Dr. med.
Abstract              
        Extracts of St. John's wort (Hypericum perforatuni) became increasingly popular as easily available remedies for mild to moderate depression. Comedication with hypericum extract was recently shown to drastically reduce plasma concentration of ciclosporin, digoxin or indinavir. We investigated the possible interaction of hypericum extract LI160 with amitriptyline. Both antidepressants have a high probability of concomitant use. Twelve patients requiring amitriptyline treatment received a single dose of hypericum extract (900 mg) at day l, continued by a 12 to 14 day treatment with retarded amitriptyline (75 mg bid). Then hypericum (900 mg per day) was added for another 14 to 16 day s. Steady-state pharmacokinetics of amitriptyline were compared prior to and after multiple-dose treatment with hypericum extract. Furthermore, comparisons were made for single-dose kinetics of hypericum-extract ingredients hypericin, pseudohypericin, and hyperforin between the first day of concomitant treatment and LI160 alone. Multiple-dose comedication with LI160 led to a statistically significant decrease in AUC(0-12) of amitriptyline by 22% (p=0.03), nortriptyline by 41% (p=0.002) as well as of all hydroxylated metabolites, except for 10-E-hydroxynor- triptyline. Plasma levels of amitriptyline and hydroxylated metabolites gradually declined, whereas nortriptyline concentrations markedly feil already after 3 days of co-treatment with hypericum. Cumulative urinary amounts of amitriptyline and metabolites decreased to the same extent as plasma concentrations upon hypericum comedication. Induction of cytochrome P-450 enzymes or drug transporters (P-glycoprotein) by St. John's wort extract may explain this pharmacokinetic interaction. Physicians should be aware of this interaction when treating patients with amitriptyline.

Mit dem zweiten Preis wurde die Inauguraldissertation von Frau Dr. Alina Zielonka aus Szczecin "Pharmacological Properties of a standardized extract from willow bark (Cortex salicis)" ausgezeichnet.

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Dr. Alina Zielonka studierte von 1987-1994 Medizin an der medizinischen Fakultät der Pommerschen Medizinischen Akademie in Szczecin, Polen und schloß ihr Studium mit dem medizinischen Diplom ab. von 1994-1995 arbeitete sie am Circuit Railways Hospital in Szczecin und ist seit 1997 an der dermatologischen Abteilung des Public Health Care Centers in Gryfino tätig.
Am 18. Hanuar 2000 promovierte sie mit der Dissertation
"Pharmacological Properties of a standardized extract from willow bark (Cortex salicis)" an der
Pommerschen Medizinischen Akademie in Szczecin zum Dr. med.
Summary

        The significant problem of adverse effects of sacetylsalicylic acid has for many years stimulated research aimes at finding a similar, but safe and still inexpensive drug. Modern societies demand similar fast-acting remedies for such unpleasant symptoms as fever, pain, etc, that accompany inflammatory and rheumatic conditions. It is not always possible to reconcile this objective with unaffected operation of bodily defences. The uncontrolled use of over-the-counter drugs makes safety a matter of utmost importance. This study has shown that a natural preparation containing standardized extract from willow bark has analgetic, antipyretic and antiphlogistic properties comparable to (but without the risk of multiple adverse effects) acetylsalicylic acid administered at high doses. The extract is safe and causes no damage to the gastric mucosa. The protective properties of ASA are well-documente and exploited in contemporary therapy. It has been shown that survival of patients with myocardial infarction can be prolonged with small daily doses of acetylsalicylic acid. In this case, adverse effects of ASA, like lesions of the gastric mucosa, are rarely observed, although other side effects remain likely. The inhibitory activity of willow bark extract on platelet aggregation (in vitro) found in the present study awaits clinical confirmation. Standardized willow bark extract may be an alternative to acetylsalicylic acid whenever ASA is contra-indicated, e.g. during convalescence, in the elderly, and in adolescents with reduced immune resistance.

Laudatio des Präsidenten der Gesellschaft für Phytotherapie
Professor Dr.med. Dr. h.c. mult. Fritz H. Kemper

Die Gesellschaft für Phytotherapie hat im Jahr 2001 zum 15. Mal den Rudolf Fritz Weiß Preis ausgeschrieben. Der Internist Dr. med. Rudolf Fritz Weiss war eine der entscheidenden Persönlichkeiten der modernen Phytotherapie. Der Preis soll das Gedenken an seine Verdienste um die klinische Anwendung und die wissenschaftliche Begründung pflanzlicher Arzneimittel hochhalten. Ausgeschrieben sind alljährlich ein erster Preis, dotiert mit DM 10.000.-, und ein zweiter Preis, dotiert mit DM 5.000.-

Der erste Preis geht in diesem Jahr 2001 an die Arbeitgruppe:

A. Johne, J. Schmider, J. Brockmöller, A. Stadelmann, E. Störmer, S. Bauer, G. Scholler, M. Langheinrich, I. Roots

und wurde am Institut für Klinische Pharmakologie des Universitätsklinikums Charité (Leitung Prof. Ivar Roots) der Humboldt Universität Berlin durchgeführt, es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass Mitglieder der Arbeitsgruppe in anderen Abteilungen der Charite (Abteilung für Psychiatrie; Abteilung für Psychosomatik, Medizin und Psychotherapie) bzw in anderen Firmen (Lichtwer Pharma AG) beschäftigt sind bzw. waren.

Begründung:

Die Studie hat die Frage untersucht, inwieweit eine Einnahme von Hypericum Blutspiegel bzw. die Kinetik eines verbreiteten trizyklischen Antidepressivums beeinflusst. 12 Patienten unter einer Therapie von 2 x täglich 75 mg Amitriptylin nahmen zusätzlich zunächst einmalig mit einer Einmaldosis 900 mg Hypericum-Extrakt LI 160 ein, nach einer Pause von 12 Tagen noch einmal über 14 Tage täglich mit ebenfalls einer abendlichen Einzeldosis von 900 mg Hypericum Extrakt (LI 160). Analysiert wurden:

Die Steady-State-Pharmakokinetik von Amitriptylin (Plasmaspiegel und Urinausscheidung der Muttersubstanz und der hydroxylierten Metaboliten)

die Single-Dose-Kinetik wichtiger Hypericum-Inhaltsstoffe (Hypericin, Pseudohypericin, Hyperforin)

Die Ergebnisse zeigen, dass:

Hypericum die Kinetik von Amitriptylin beeinflusst, aber nicht umgekehrt,  
  
die Plasmakonzentrationen von Amitriptylin und dessen Metaboliten durch eine Co-Medikation mit 900 mg Hypericum signifikant erniedrigt werden und deren kumulative Ausscheidung mit dem Urin gesenkt werden.

Aufgrund dieser letzteren Beobachtung vermuten die Autoren, dass neben der Induktion von Cytochrom P 450 ein anderer Mechanismus in Betracht gezogen werden muss, in erster Linie die Induktion des Transporter-Proteins G-Glykoprotein. Bemerkenswert ist, dass ein Effekt von Amitryptilin auf die Hypericum-Metaboliten nicht zu beobachten war.

Insofern diese Arbeit ein Beitrag zum Interaktions-Profil von Hypericum ist, der technisch einwandfrei gemacht ist, hohes Niveau aufweist und auch eine relevante Frage beantwortet, leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur Phytotherapie und ist für die klinisch-therapeutische Arbeit wichtig.

Die Jury der Gesellschaft für Phytotherapie ist in Anbetracht der Bedeutung des Themas „Interaktionen von pflanzlichen Arzneimitteln" und wegen der Qualität der Bearbeitung der Aufgabenstellung zu der Entscheidung gelangt, daß die Arbeitsgruppe den mit DM 10.000.- dotierten ERSTEN Rudolf-Fritz-Weiß-Preis erhalten soll.

Der zweite Preis geht in diesem Jahr 2001 an

Frau Dr. Alina Zielonka (geb. Glinko) und Ihren Doktorvater Professor Dr. Leonidas Samochowiec vom Lehrstuhl für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Stettin für die Dissertation mit dem Titel: „Pharmacological properties of a standardized extract from Willow bark (Cortex Salicis)."

 Begründung:

Weidenrindenextrakt wird immer mit Aspirin in Verbindung gebracht (auch wenn SPIREA ulmaria die Arzneipflanze war, aus der die Salizylsäure (= Spirsäure) zuerst isoliert wurde und darüber Namenspatron für ASPIRIN wurde); über den Weidenrindeninhaltsstoff Salizin als Prodrug der Salizylsäure ist diese Verbindung bezüglich des Wirkstoffs auch korrekt, und pharmakologisch wie klinisch ist daher von einer gewissen Kongruenz in den Eigenschaften auszugehen, wenn man davon ausgeht, dass die Azetylgruppe im Aspirin nur gewisse Einflüsse auf das pharmakologische Profil hat bzw. Salizin der wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoff der Weidenrinde ist. 

Die Arbeit war darin konsequent, dass diese Kongruenz in geeigneten Modellen untersucht wurde, und aufgrund der Ergebnisse konsequent weitere Untersuchungen angestellt wurden. Da von SE und ASS jeweils drei Dosierungen untersucht wurden, sind die Daten informativ und gut einzuordnen.

Die relevanten Effekte Schmerzhemmung,  Entzündungshem- mung und Fiebersenkung wurden geprüft.

Konsequent wurden mögliche Wirkungen am ZNS abgeprüft.

Hochinteressant ist der Vergleich der Wirkungen beider Wirkstoffe auf die Magenschleimhaut,

Durch den in-vivo Ansatz sind die Ergebnisse sehr tragfähig und erfordern keine spekulativen Schlussfolgerungen.

Die in gewissem Sinn einfache statistische Auswertung wird dadurch kompensiert, dass alle Originaldaten berichtet werden.

Im Ergebnis wurde gezeigt, dass eine im Verhältnis zu Aspirin geringe Dosis des Weidenrindenextraktes (12 % Salicin) analgetisch und ausgeprägt antiinflammatorisch wirkt, antipyretische Eigenschaften hat, aber keine sedierende Komponente besitzt. Das ulzerogene Potential des Weiderindenextrakts ist weitaus geringer als das von Aspirin, was anhand der Untersuchungen auch nachgewiesen wurde. 

Aufgrund der umfassenden Anlage der Arbeit von Frau Glinko und der Menge an tragfähiger Information, die ihr zu entnehmen ist, hält die Gesellschaft für Phytotherapie diese Dissertation für preiswürdig; die Konzeption trägt die Handschrift eines erfahrenen Mediziners und Pharmakologen, ihres Doktorvaters Prof. Leonidas Samochowiec.

Sie bearbeitet eine Fragestellung, die für die Phytotherapie eine ausserordentlich grosse Bedeutung hat, da die Untersuchungen auch unter dem Aspekt Extrakt versus Reinsubstanz betrachtet werden können. Sie schafft damit einen wirklich neuen Stand der Erkenntnis, insofern vor dieser Arbeit selbst die Befürworter der Phytotherapie nicht postuliert hätten, dass die Azetylsalizylsäure als unzweifelhaft wirksame „Monosubstanz" höher als der Extrakt dosiert werden muss, um gleiche Wirksamkeit im Modell zu erzielen. Angesichts dessen, dass das pharmakologische Profil der Salizylsäure - bei allen Fragen, die noch offen sind - doch als sehr gut bekannt angesehen werden muss, ist die Tragweite dieser neuen Daten erheblich. Die Weidenrinde könnte zu einer Arzneipflanze werden, für die Überlegenheit des Ganzen gegenüber einem der Inhaltsstoffe erstmals explizit wissenschaftlich bewiesen werden kann. Auch wenn eine Verallgemeinerung dieser sich für die Weidenrinde abzeichnenden Situation zum allgemein gültigen Prinzip wissenschaftlich nicht möglich ist, ist eine Beweisführung für eine bestimmte Arzneipflanze für die Phytotherapie ein gewaltiger Rückhalt.

 

Bilder von der Preisverleihung PDF.jpg (6396 Byte)

 

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