Notwendige Arzneimittel
Phytopharmaka, Homöopathika, Anthroposophika
Unter diesem Titel hat die Verbraucher-Zentrale Hamburg im Heft 3 der
Zeitschrift "Öko-Test" vom März 2000
eine Liste publiziert, die Empfehlungen zum Gebrauch pflanzlicher, homöopathischer und
anthroposophischer
Arzneimittel gibt. Der Geschäftsführer der Verbraucher-Zentrale Hamburg e.V., Dr. G.
Hörmann schreibt einleitend: "Gerade
beim Produkt Arzneimittel sind Verbraucher nicht im Stande, zwischen Tausenden von
Wirkstoffen und
deren Kombinationen eine sinnvolle Auswahl zu treffen.... begrüßen wir ihr Erscheinen
als ersten Schritt
auf dem Weg zu größerer Transparenz und Autonomie von Versicherten und Patienten. Mit
der Herausgabe
dieser Liste möchten wir uns nicht nur an Ärzte wenden, sondern ausdrücklich auch die
Verbreitung unter
Patienten fördern.......Gerade hier ist der Anteil der Selbstmedikation besonders
hoch-und gerade hier gibt
es auch Scharlatane unter den Anbieter; zwei Gründe, warum die Verbraucher im Bereich der
"anderen"
Therapierichtungen besonders auf Orientierung angewiesen sind."
Welche Verunsicherung von Patienten und Ärzten und damit welche
wirtschaftliche Bedeutung einer solchen
"Liste" zukommen kann, ist wohl klar. Und das Echo in der Presse entspricht
bereits den Befürchtungen.
Am 29.02. erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel mit der Überschrift
"Wegweiser im Dschungel
der Pflanzenpillen", der sich auf diese Liste bezieht. "Der Markt der
Phytopharmaka ist undurchsichtig" zitiert
der Autor (Peter Spork) den Pharmazeuten Prof. Glaeske aus Bremen, und fährt fort "
Höchste Zeit, den
Dschungel der Phytopillen zu lichten: Vergangene Woche erschienen gleich zwei Wegweiser,
die
Verbrauchern helfen sollen, geeignete pflanzliche Arzneimittel aus dem teils unseriösen
Angebot
herauszufischen. Ellis Huber, ehemals Präsident der Berliner Ärztekammer und jetzt
Geschäftsführer der
Securvita-Gesellschaft zur Entwicklung alternativer Versicherungskonzepte, präsentierte
am Montag in
Hamburg eine Liste mit rund 600 empfehlenswerten Präparaten der Naturheilkunde, wie sie
in dieser
Form bislang einzigartig ist. Dieser Liste liegt die Arbeit einer Expertenkommission
zugrunde, die für
ausgewählte Indikationsbereiche therapeutische Empfehlungen entwickelte, die in eine
Positivliste
umgesetzt werden können. Diese Liste enthalte zwar auch Stoffe, deren Wirksamkeit nicht
einwandfrei
nachgewiesen sei, biete aber eine "Garantie für Gebrauchssicherheit," sagt
Huber. "Alles, was nicht in
der Liste steht, ist fragwürdig."" .....
Das ist ein ganz erheblicher Anspruch, der hier gestellt wird, und dem
nicht entsprochen wird. Wenn alles,
was nicht in der Liste steht, fragwürdig ist, dann müssten alle Präparate
vergleichbarer Qualität [d.h. mit
demselben Auszugsmittel hergestellt, mit vergleichbarem DEV(Droge:Extrakt Verhältnis) und
mit
vergleichbarer Dosierung] erfasst werden. Das aber ist nicht der Fall. Um das zu belegen,
wurde als
Beispiel zunächst die erste Position der Liste "Analgetika/Antirheumatika"
-Teufelskralle-Präparate
geprüft. Das Ergebnis ist in Form einer Tabelle beigefügt. Im oberen Teil der Tabelle
sind die Präparate
aufgeführt, die in die Liste aufgenommen wurden, darunter vergleichbare Arzneimittel der
"Roten Liste1999",
die nicht "gelistet" wurden. Am Extraktionsmittel kann diese unterschiedliche
Bewertung nicht liegen, denn
als empfehlenswert werden Präparate angeführt, für die die Droge mit Wasser, mit
Ethanol 30 % oder
mit Ethanol 60% extrahiert wurde. Mit denselben Extraktionsmitteln hergestellte
Zubereitungen finden
sich aber auch bei den Präparaten, die keine Aufnahme in die Liste fanden. An den
empfohlenen
Dosierungen/Tag kann es auch nicht liegen, denn die sind für die entsprechenden
Zubereitungen vergleichbar.
Ähnliches gilt für andere in der Liste aufgeführte Indikationen. So sind bei den Gynäkologika zehn Präparate aus Vitex agnus castus aufgeführt, acht weitere entsprechend zusammengesetzte Präparate fehlen- aus welchem Grund? Elf Cimicifuga Präparate finden sich in der Liste der Verbraucher Zentrale Hamburg, neun weitere entsprechend zusammengesetzte sind nicht genannt.
In der hier gebotenen Kürze sollen nur einzelne Beispiele
angeführt werden, um klar zu machen, wie wenig
überzeugend die hier getroffene Auswahl ist . Dabei ist in der "Roten Liste",
die zu Vergleichszwecken
herangezogen wurde, der Phytomarkt nur unvollständig aufgeführt. Somit erheben die hier
gezeigten Beispiele
oder Zahlen keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern zeigen nur die Fragwürdigkeit
der "Liste" der
Verbraucherzentrale.
Dies ergibt sich ebenfalls aus einigen anderen Beispielen : Seit wann
ist IberogastÒ ein Antidiarrhoikum,
obwohl seine Indikation lautet: "Funktionelle und motilitätsbedingte
Magen-Darm-Störungen, Gastritis,
Magen- und Darmspasmen, Ulcus ventriculi et duodeni"? Diese Wirksamkeiten sind
klinisch belegt.
Wieso werden Kamillenpräparate nur für eine äußerliche Anwendung vorgesehen, obwohl
auch für
die innere Anwendung Erkenntnismaterial vorliegt? Darüber hinaus ist die Zuordnung von
Drogen zu
bestimmten Indikationen fraglich: Wieso werden unter Cholagoga / Gallenwegstherapeutika
ausschließlich
Cynara Präparate aufgeführt? Nach Zubereitungen aus Cucurma, Chelidonium, Mentha
u.a. sucht man
vergeblich. Darüber hinaus wurde auch bei den Artischockenzubereitungen erneut eine
Auswahl getroffen. Ganz sicher sind die ausgewählten Präparate für eine
entsprechende Therapie geeignet - aber das ist
eben nur ein Teil der Wahrheit. Zum einen wurde, wie an einigen Beispielen gezeigt,
selektiert, sowohl
nach Stoffen als auch nach Präparaten und zum anderen erscheinen die Auswahlkriterien
fraglich. Mit dieser Liste wird eine Differenzierung in "gute" und
"schlechte" Phytopharmaka vorgenommen,
z.T. auch die Indikationen abgeändert, ohne dass der sachliche Hintergrund
nachvollziehbar ist - es
mangelt an Transparenz. Wenn die Autoren auch angeben, dass diese "Liste"
ergänzt werden könnte,
so schaffen sie mit einer solchen Liste den Eindruck, dass die hier nicht erwähnten
Präparate nicht
empfehlenswert seien. Und den sowieso schon reichlich gebeutelten verschreibenden Ärzten
wird
suggeriert, dass nur hier aufgeführte Präparate empfehlenswert seien, was aber
keineswegs zutrifft. Zudem besteht die grosse Gefahr, dass derartigen Listen der Charakter
von "Positivlisten" zugeordnet
wird. Ein möglichen Schaden für die Phytotherapie ist damit im doppelten Sinne
programmiert: einmal
durch die erfolgte "Auswahl", die mit einer Diskriminierung der nichterwähnten,
aber vergleichbaren
HMPs gleichzusetzen ist, zum anderen dadurch, dass eine Übernahme der "Liste"
in amtliche Regelungen
möglich erscheint in der falschen Annahme bei der "Liste" handele es sich um
ein Konsensusprodukt.
Das aber ist mitnichten der Fall!
Analgetika/Antirheumatika (Rote Liste 1999)
I Zubereitungen aus Harpagophyti radix, die in der Ellis-Huber-Liste aufgeführt sind
Warenname |
Extrakt, DEV |
Dosierungsempfehlungen |
| AllyaÒ | Ethanol 60% (4,4-5:1) | 2-4x 1 Filmt. à 240 mg |
| ArthrosettenÒ H Kapseln | Ethanol 30% (2,6-3,1:1) | 3-4x tgl. 2 Kaps (à 200 mg) |
| ArthrotabsÒ Filmtabletten | wässr. Trockenextr.(2:1) | 3x tgl. 2 Tabl.(je 410 mg) |
| Dolo-ArthrosettenÒ H Kapseln | Ethanol 30% (2,6-3,1:1) | 3-4x 1 Kapsel à 400 mg |
| DoloteffinÒ Filmtabl | wässr. Trockenextr.(2:1) | 3x tgl. 2 Filmtabl. à 400 mg |
| Flexi-logesÒ Filmtabl. | Ethanol 60% (4,4-5,0:1) | 2xl tgl. 1 Filmtabl. à 480 mg |
| Harpagoforte ASmedicÒ Kapseln | wässr. Trockenextr.(2:1) | 3xl tgl. 2 Kapseln. à 375 mg |
| Rivoltan Ò Filmtabletten | Ethanol 60% (4,4-5:1) | 2x tgl. 1 Filmtabl. à 480 mg |
| Sogoon Ò Filmtabletten | Ethanol 60% (4,4-5:1) | 2x tgl. 1 Filmtabl. à 480 mg |
II Zubereitungen aus Harpagophyti radix, die nicht in der Ellis-Huber-Liste aufgeführt sind
Warenname |
Extrakt, DEV |
Dosierungsempfehlungen |
| Dolo-ArthrodynatÒ Tee-Extr. in Kaps. | wässr. Trockenextr.(2:1) | 3x tgl. 3 Kapseln (à 250 mg) |
| Harpagophytum Arkokaps Kapseln | keine Angaben | 3x tgl. 3 Kps. à 500 mg |
| HerbadonÒ Kapseln | Trockenextr. Ethanol 60%? (4:1) | 3x tgl. 1-2 Kps. à 250 mg |
| Rheuma-SernÒ Kapseln | wässr. Trockenextr.(1,5-2,5:1) | 3x tgl. 1-2 Kaps. (je 400 mg) |
| Rheuma-Teufelskralle-Kapseln HarpagoMega | keine Angaben, Ethanol 60%? (4,4-5:1) | 2x tgl. 2 Kaps. à 240 mg |
| TeltonalÒ 240 FT /480 FT Filmtabletten | Ethanol 60% (4,4-5:1) | 2x tgl. 2 Filmtabl oder 41x1 à 240 mg 2x tgl. 1 Filmtabl. à 480 mg |
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