Editorial 1/00

Arnika – Masuren – Günter Willuhn

Wir Ostpreußen – seien wir deutscher, polnischer, kaschubischer oder russischer Herkunft – halten es mit dem alten Hamilkar Schaß, der masurischen Kultfigur in Siegfried Lenz’ Schelmenroman »So zärtlich war Suleyken«. Selbst als die Gefahr in Gestalt des Angst und Schrecken verbreitenden Generals Wawrila und seiner Bande das tat, was sie besonders unangenehm macht, nämlich sich zu nähern, las Hamilkar Schaß aus Gründen der Bildung, unbeeindruckt und voller Neugier den »Masurischen Heimatkalender« zu Ende. So sind wir nun einmal, mein Freund Günter Willuhn, Professor emeritus an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-
Universität und ich. Auch wir haben erfolgreich versucht, unsere kindliche Neugier bis ins Alter von 65 Jahren zu bewahren. Cupidus rerum novarum nennt das der Lateiner, von denen sogar in Masuren einige lebten. Vor allem waren und sind die meisten Ostpreußen nach Dingen gierig, die es in ihrer näheren Umgebung nicht gibt.

Das galt auch für den jungen Blumenfreund Willuhn und für die auf den Wiesen Gumbinnens nicht vorkommende Arnika. Und so hat er sich ihrer erst später mit besonderem Interesse angenommen, als er in Westdeutschland sein wissenschaftliches Domizil aufschlug. Jetzt kamen ihm neben seiner ausgeprägten Neugierde weitere, von seiner Ehefrau und von nicht-ostpreußischen Freunden nicht immer geschätzte Eigenschaften zugute: seine
manchmal fast sture Ausdauer, eine gewisse Dickköpfigkeit und seine zielstrebige Penetranz. Auf den Wiesen Europas und auf den Pampas Amerikas war keine Arnika vor seinem wissenschaftlichen Eifer sicher. Alle kryptisch-chemischen und alle anatomisch-morphologischen Eigenschaften dieser Gattung wurden von ihm und seinen Mitarbeitern erforscht. Willuhn wurde zum »Mister Arnika«!

Daher widmeten ihm zu Ehren als Abschluss seiner aktiven Hochschullehrerlaufbahn Mitarbeiter, Kollegen und Freunde ein Symposium, das den derzeitigen Status quo der Arnika-Forschung zum Thema hatte. Die einzelnen Aspekte dieser Veranstaltung machten modellhaft deutlich, dass eine Arzneipflanze von vielen Seiten betrachtet werden kann.

Für mich war es ein faszinierendes Erlebnis, als ich als Kind ein Kaleidoskop geschenkt bekam. Das unerwartet Geheimnisvolle, das beim Drehen dieses Spielzeugs erscheint, lässt sich auch auf die Pflanze Arnika mit ihrer facettenreichen natur- und kulturwissenschaftlichen Geschichte übertragen.

An der Lösung vieler Arnika-Probleme und an der Beantwortung vieler Arnika-Fragen haben Günter Willuhn und die Düsseldorfer Pharmazeutische Biologie wesentlichen Anteil. Das zeigt der von den Autoren J. von Raison, J. Heilmann, I. Merfort, T. J. Schmidt, F. E. Brock, W. Leven, U. Bomme und R. Bauer in dankenswerter Weise zusammengestellte Bericht in diesem Heft.

Franz-C. Czygan

PS: Auch von den Poeten ist Arnica montana nicht vergessen worden. In seinem 1922 gedruckten Kinderbuch »Alpenblumenmärchen« widmet der Schweizer Maler und Dichter Ernst Kreidolf (1863–1956) unserer Heilpflanze vier Verse. Wenn er auch auf die heute obsolete orale Nutzung der Tinctura Arnicae hinweist, wird doch die besondere Bedeutung dieser Arzneipflanze in wenigen lyrischen Zeilen betont.

Arnika

Arnika, die freundliche Schwester,
Wohnt auf der Alpen sonnigen Triften,
Reicht ihre köstlich herben Würzen
Leidenden dar als heilenden Trank.

Und sie nahen von allen Seiten,
Die der Krieg verletzt und gebrochen,
Schleppen sich mühsam, humpeln an Krücken,
Keuchen: »hilf uns, Gütige, hilf!«

Mildes Lächeln der freundlichen Schwester
Sänftiget schon der Verwundeten Leiden,
Wandelt zu Honig das bittere Tränklein,
Wandelt zu Balsam den brennenden Saft.

Ruhiger sinken zum Schlummer sie nieder.
Weckt sie morgen die goldene Sonne,
Dürfen sie alle heil sich erheben,
Jubeln der Arnika freudigen Dank!